Das Dogma der Chancenlosigkeit

Schock­wel­len gin­gen durch die Lin­ke, als bekannt wur­de, dass die FDP bei der Bun­des­tags­wahl die größ­te Grup­pe von Erst­wäh­lern für sich gewin­nen konn­te. Tere­sa Bücker, die ehe­ma­li­ge Chef­re­dak­teu­rin des femi­nis­ti­schen Maga­zins Edi­ti­on F, twitterte:

Aus dem »hört auf die Jun­gen!« wird unter geeig­ne­ten Umstän­den auch ganz schnell ein »die Jun­gen sind Idioten!«:

Auf der Lin­ken herrscht eine Art Dog­ma, dass der ein­zel­ne Mensch in Bezug auf sein Schick­sal wenig aus­rich­ten kön­ne und es daher auto­ri­tä­re Ein­grif­fe in wel­cher Form auch immer brau­che, um ihm Chan­cen zu eröff­nen. Aber die­ses Dog­ma ist ers­tens nicht wahr und zwei­tens schäd­lich, da es als selbst­er­fül­len­de Pro­phe­zei­ung wirkt. Dies ist ein Aspekt des tie­fe­ren Pro­blems, dass wir in einer Kul­tur leben, die den Glau­ben an sich selbst ver­lo­ren hat. 

Umverteilung versus Produktion

Bückers Tweet hat ein unfrei­wil­lig komi­sches Moment, wo sie sagt, Wohl­stand »ent­ste­he« durch Erbe. Das ist der gro­ße Kon­struk­ti­ons­feh­ler der Umver­tei­lungs­lo­gik, und sie hat Recht, für die Quo­ten­lo­gik gilt Ähn­li­ches. Wenn man sie dar­auf ansprä­che, wüss­te sie sicher auch, dass Wohl­stand durch Erbe wei­ter­ge­ge­ben wird, aber nicht durch Erbe ent­steht. Den­noch ist die Wort­wahl ver­rä­te­risch, denn die Blind­heit und das Des­in­ter­es­se vie­ler Lin­ker an der Fra­ge, wie Wohl­stand ent­steht, ist tat­säch­lich ende­misch und passt nur zu gut dazu.

Die Umver­tei­lungs­lo­gik besagt, man kön­ne doch ein­fach den Rei­chen ein Stück ihres Reich­tums weg­neh­men, um ihn den Armen und dem Staat zu geben, so dass die Armen nicht mehr Arm wären und der Staat sinn­vol­le Din­ge für die Gesell­schaft tun kön­ne, wäh­rend die Rei­chen immer noch mehr als genug hät­ten. Klingt gut. Doch das Pro­blem ist, dass die­ser Gedan­ken­gang die Schaf­fung von Wohl­stand als unab­hän­gi­ge Varia­ble behan­delt, als spru­del­te jedes Jahr auto­ma­tisch eine bestimm­te Men­ge Wohl­stand aus einer Berg­quel­le, den man dann nach Belie­ben ver­tei­len kann. Dem ist nicht so, wie man an vie­len Län­dern sehen kann, in denen kein Wohl­stand spru­delt. Wohl­stands­pro­duk­ti­on ist vor­aus­set­zungs­voll. Es braucht dazu bestimm­te Bedin­gun­gen, und wenn die­se gesell­schaft­li­che Maschi­ne­rie ein­mal kaputt ist, lässt sie sich nicht so leicht wie­der­her­stel­len. Eine wesent­li­che Kraft, die sie treibt, ist in bestimm­ten For­men orga­ni­sier­te mensch­li­che Arbeit. Dazu gehö­ren auch unter­neh­me­ri­sche Initia­ti­ve und Füh­rung. Die­je­ni­gen, die auf Umver­tei­lung set­zen, müss­ten eigent­lich froh sein, dass es ande­re gibt, die nicht auf Umver­tei­lung set­zen, denn wenn alle das täten, gäbe es nichts umzuverteilen.

Umver­tei­lung ist immer ein Ein­griff in die Bedin­gun­gen, die Wohl­stand über­haupt her­vor­brin­gen. Das heißt nicht, dass über­haupt kei­ne Umver­tei­lung mög­lich oder sinn­voll wäre. Aber es gibt Gren­zen. Ab irgend­ei­nem Punkt lohnt sich ein Unter­neh­men betriebs­wirt­schaft­lich oder für die Unter­neh­mer­per­son nicht mehr. Auch in der Rol­le eines Ange­stell­ten lei­det die Arbeits­mo­ti­va­ti­on unter einer hohen Steu­er­last. Neben­bei: Auch die Frau­en­quo­te, die Bücker als Ana­lo­gie anführt, ist ein Ein­griff in die Bedin­gun­gen, die das Gut, um das es dabei geht – demo­kra­tisch legi­ti­mier­te Macht­po­si­tio­nen -, über­haupt ermög­li­chen. Man will die demo­kra­ti­sche Macht gerech­ter ver­tei­len und greift dazu in demo­kra­ti­sche Pro­zes­se ein. An irgend­ei­nem Punkt bewir­ken sol­che Ein­grif­fe aber, dass man kein demo­kra­ti­sches Sys­tem mehr hat und es somit auch kei­ne demo­kra­ti­sche Macht mehr zu ver­tei­len gibt.

All das gilt in der Potenz, wenn es um den »Sys­tem­wech­sel« geht, von dem vie­le Lin­ke viel reden und träu­men. Sie stel­len sich vor, dass ihr neu­es Sys­tem, das sie kon­trol­lie­ren, wie selbst­ver­ständ­lich einen für alles und jeden aus­rei­chen­den Wohl­stands­ku­chen zur Ver­fü­gung hät­te, mit dem sie dann ver­fah­ren könn­ten, wie sie wol­len, was in eine Art sozia­lis­ti­schem Schla­raf­fen­land mün­den wür­de. In ihrer Vor­stel­lung kann man den Nut­zen der moder­nen arbeits­tei­li­gen Gesell­schaft genie­ßen, ohne die Kos­ten zu tra­gen. Das schließt neben den sozia­len Kos­ten auch die öko­lo­gi­schen ein, da sie davon aus­ge­hen, dass nach ihrem Sys­tem­wech­sel auch die öko­lo­gi­schen Pro­ble­me gelöst sei­en. In Wirk­lich­keit wür­de es weder den groß­zü­gi­gen Kuchen noch die­se wun­der­sa­me Pro­blem­lö­se­kom­pe­tenz geben, da das auto­ri­tä­re Umver­tei­lungs­sys­tem so ziem­lich alle Bedin­gun­gen zer­stö­ren wür­de, die Men­schen und Gesell­schaf­ten blü­hen lassen.

Die Blind­heit des Umver­tei­lungs­den­kens für die Bedin­gun­gen der Wohl­stands­pro­duk­ti­on umfasst auch den gan­zen Kom­plex der Hand­lungs­fä­hig­keit, der Akteurs­qua­li­tät von Men­schen. Sie kommt dar­in prak­tisch nicht vor. Die radi­ka­le Lin­ke stellt der libe­ra­len Illu­si­on eines abso­lut unge­bun­de­nen und unab­hän­gi­gen Indi­vi­du­ums das ande­re Extrem gegen­über, ein Welt­bild, in dem Indi­vi­dua­li­tät vor lau­ter sozia­ler Deter­mi­na­ti­on über­haupt kei­ne Rol­le mehr spielt und Frei­heit nur vom Staat kom­men kann.

Arbeit versus Protest

Tat­säch­lich ist es eine absur­de Vor­stel­lung, dass Arbeit nichts brin­ge, wenn man ein­mal dar­über nach­denkt. Der eine Schü­ler fau­lenzt, der ande­re gibt sich kon­ti­nu­ier­lich Mühe, zu ler­nen, und der Fau­len­zer hat am Ende die­sel­ben Chan­cen wie der Flei­ßi­ge? Wie soll das zuge­hen? Losen Fir­men die Bewer­ber aus, die sie ein­stel­len? Losen Men­schen die Anbie­ter aus, bei denen sie kau­fen, oder die Künst­ler, deren Wer­ke sie rezi­pie­ren? Hat die Wahl nicht doch etwas mit deren Leis­tung zu tun? Gut, wenn es dar­um geht, Mil­lio­nen anzu­häu­fen, sind die Chan­cen eines arm Gebo­re­nen nicht sehr groß. Aber müs­sen es gleich Mil­lio­nen sein? Ist nicht ein klei­ne­rer Auf­stieg auch viel wert, gera­de wenn man unten anfängt?

Die The­se, har­te Arbeit mache kei­nen Unter­schied, ist absurd, aber als Teil eines Glau­bens­sys­tems weit ver­brei­tet. Die­ses Glau­bens­sys­tem ver­spricht, dass eines Tages (nach dem Sys­tem­wech­sel) das Para­dies auf Erden her­auf­zie­hen wer­de und es bis dahin die Auf­ga­be der Gläu­bi­gen sei, das Sys­tem zu kri­ti­sie­ren und zu bekämp­fen. Frie­den mit dem Sys­tem oder Tei­len davon zu schlie­ßen ist Sün­de. Ganz kann man die­ser Sün­de nicht ent­sa­gen, wenn man gut leben will, aber je mehr man sün­digt, des­to mehr muss man Buße tun, indem man kritisiert. 

Die hoff­nungs­vol­le Bot­schaft, dass man es durch har­te Arbeit schaf­fen kön­ne, käme einem Frie­den mit dem Sys­tem gleich. Sie leg­te sogar den gefähr­li­chen Gedan­ken nahe, das Sys­tem sei irgend­wie gerecht. Die­ser wür­de das gan­ze Pro­gramm vom Sys­tem­wech­sel und anschlie­ßen­den Para­dies auf Erden in Fra­ge stel­len – und die eher Geschei­ter­ten unter den Gläu­bi­gen dem Ver­dacht aus­set­zen, an ihrem Schei­tern even­tu­ell selbst schuld zu sein. Daher wird sie empört zurückgewiesen.

Eine puri­ta­ni­sche Form die­ser Sicht­wei­se ist die Inter­sek­tio­na­li­täts­theo­rie mit all ihren Ismen, Sexis­mus, Ras­sis­mus und so wei­ter. Die­se Erzäh­lung legt Wert dar­auf, den von ihr iden­ti­fi­zier­ten Opfer­grup­pen kei­ner­lei Ver­ant­wor­tung für ihre Situa­ti­on und ihr Leben zuzu­schrei­ben. Die Aus­beu­ter­grup­pen, heu­te als »Pri­vi­le­gier­te« bezeich­net, tra­gen die Ver­ant­wor­tung für das Schick­sal der ande­ren, wäh­rend die­se für nichts Ver­ant­wor­tung tra­gen. Etwas ande­res zu behaup­ten ent­sprä­che der Groß­sün­de Vic­tim Bla­ming und lie­ße die gan­ze Erzäh­lung einer Welt zusam­men­bre­chen, in der im Wesent­li­chen alles durch Unter­drü­ckung zu erklä­ren ist.

Dabei zei­gen Zah­len und Fak­ten auf viel­fäl­ti­ge Wei­se, dass die­se sim­plis­ti­sche Theo­rie die Tat­sa­chen nicht erklä­ren kann. Wäh­rend viel Geschrei über die angeb­lich sexis­ti­sche Reak­ti­on der Öffent­lich­keit auf die Kan­di­da­tin Anna­le­na Baer­bock laut wur­de, hat­ten wir eine Bun­des­kanz­le­rin, die mehr­fach wie­der­ge­wählt und prak­tisch nie für ihr Geschlecht ange­grif­fen oder ange­zwei­felt wur­de. Die euro­päi­sche Kom­mis­si­on und die Zen­tral­bank wer­den eben­falls von Frau­en geführt, ohne dass es jeman­den stört. Bei den Grü­nen, in der Lin­ken, in SPD und FDP sind Frau­en im Bun­des­tag rela­tiv zu ihren Antei­len an den Par­tei­mit­glied­schaf­ten über­re­prä­sen­tiert, nur in Uni­on und AfD sind sie knapp unter­re­prä­sen­tiert. Eine inter­na­tio­na­le Meta­ana­ly­se von Stu­di­en des Wahl­ver­hal­tens ergab, dass Wäh­ler weib­li­che Kan­di­da­ten bevor­zu­gen, was sich in einem Vor­teil von durch­schnitt­lich zwei Pro­zent für weib­li­che Kan­di­da­ten niederschlägt.

Eine Kom­mis­si­on der bri­ti­schen Regie­rung stell­te letz­tes Jahr fest, dass Ras­sis­mus nur eine unter­ge­ord­ne­te Ursa­che der schlech­ten sozia­len Stel­lung von eth­ni­schen Min­der­hei­ten ist. Die Erklä­rung der Benach­tei­li­gung mit dem Ras­sis­mus der wei­ßen Mehr­heit schei­tert schon dar­an, dass unter­schied­li­che Min­der­hei­ten­grup­pen in sehr unter­schied­li­chem Maß erfolg­reich sind. Ein wich­ti­ger Quil­let­te-Arti­kel zeigt dies ein­drück­lich für die USA auf. Sol­che Zah­len wür­den das Ende der Inter­sek­tio­na­li­täts­theo­rien bedeu­ten, wenn die heu­ti­gen west­li­chen Gesell­schaf­ten in die­sen Fra­gen ratio­nal statt reli­gi­ös den­ken und han­deln würden.

Man sagt, das Sys­tem sei ganz dar­auf zuge­schnit­ten, Wei­ße und Män­ner zu begüns­ti­gen, so dass eine nicht­wei­ße Frau dop­pelt dis­kri­mi­niert sei. Wie ist es aber dann zu erklä­ren, dass zum Bei­spiel tai­wa­ne­si­sche Frau­en, indi­sche Frau­en, tür­ki­sche Frau­en, ira­ni­sche Frau­en, chi­ne­si­sche Frau­en, liba­ne­si­sche Frau­en, japa­ni­sche Frau­en und korea­ni­sche Frau­en in den USA im Durch­schnitt mehr ver­die­nen als wei­ße Männer?

Ein kniff­li­ges The­ma in den USA ist der gro­ße Bil­dungs­er­folg der Asia­ten. Mit Affir­ma­ti­ve Action wol­len Uni­ver­si­tä­ten die Reprä­sen­ta­ti­on der Schwar­zen erhö­hen, wodurch ande­re Grup­pen, die auf­grund ihrer Leis­tung »über­re­prä­sen­tiert« sind, dis­kri­mi­niert wer­den. Das betrifft am meis­ten Asia­ten, die im Bil­dungs­sys­tem am bes­ten abschneiden. 

Die­se Tabel­le zeigt, wie viel Zeit Wei­ße, Schwar­ze, His­pa­nics und Asia­ten in der Ober­stu­fe mit Haus­auf­ga­ben verbringen:

Hier eine aktu­el­le­re Unter­su­chung mit in der Ten­denz glei­chem Ergeb­nis. Und hier eine Stu­die, die den Bil­dungs­vor­teil der Asia­ten haupt­säch­lich auf deren grö­ße­re Anstren­gung zurückführt.

Ein all­ge­mei­ner Beleg dafür, dass har­te Arbeit sich lohnt, ist die Tat­sa­che, dass das Per­sön­lich­keits­merk­mal Gewis­sen­haf­tig­keit aus dem Big-5-Kon­strukt der stärks­te Prä­dik­tor für Berufs­er­folg auf Per­sön­lich­keits­ebe­ne ist. Gewis­sen­haf­tig­keit setzt sich zusam­men aus Fleiß und Ordnungsliebe.

Bedingungen des Aufstiegs

Auf der ande­ren Sei­te ste­hen die Zah­len zur sozia­len Mobi­li­tät. Wie sieht es dort aus? So:

Etwa ein Drit­tel der Men­schen in Deutsch­land neh­men eine höhe­re sozia­le Posi­ti­on ein als der Vater, stei­gen also aus ihrem Her­kunfts­mi­lieu auf. Etwas weni­ger stei­gen ab. In West­deutsch­land ste­hen die Män­ner etwas bes­ser da, in Ost­deutsch­land die Frau­en, aber grob kann man sagen: ein Drit­tel steigt auf.

Man kann sich natür­lich mehr wün­schen. Aber ein Drit­tel ist deut­lich zu viel, um zu behaup­ten, ein Auf­stieg sei nicht möglich. 

Bücker meint, das Schul­sys­tem ver­su­che zu ver­mit­teln, dass es jeder schaf­fen kön­ne. Das ist nicht mei­ne Erfah­rung. Mei­ne Erfah­rung ist nicht reprä­sen­ta­tiv, aber ich wür­de wet­ten, dass sie dem Gesamt­bild eher ent­spricht. Zumal, wenn es stimmt, dass Schu­len das ver­mit­teln, und jun­ge Men­schen es glau­ben, war­um haben dann trotz­dem die meis­ten links gewählt? Man­che sind so scho­ckiert dar­über, dass über­haupt jun­ge Leu­te FDP gewählt haben, dass sie so reden, als hät­ten alle jun­gen Leu­te FDP gewählt.

Ich habe so etwas wie Unter­neh­mer­geist in der Schu­le über­haupt nicht mit­be­kom­men oder wahr­ge­nom­men. Und ich mei­ne damit im wei­tes­ten Sin­ne die Per­spek­ti­ve, dass man eige­ne Ideen umset­zen kann, etwas auf die Bei­ne stel­len kann, auch pro­duk­tiv auf die Welt ein­wir­ken kann und nicht nur mit Demons­tra­tio­nen und Pro­test, die dar­auf abzie­len, dass Mama und Papa Staat es rich­ten. Unter­neh­mer­tum und all­ge­mein so etwas wie Initia­ti­ve – immer abge­se­hen von poli­ti­schem Akti­vis­mus – kommt nach mei­ner Erfah­rung über­haupt nicht in dem Welt­bild vor, das die Schu­le ver­mit­telt. Du musst ler­nen, damit du einen Job bekommst und nicht in Arbeits­lo­sig­keit endest, so die Bot­schaft. Das ist nicht falsch, aber in die­sem Zuschnitt ver­mit­telt es eine Hal­tung der Abhän­gig­keit von Auto­ri­tä­ten und der Angst. Es ist ein schreck­li­cher Aus­blick. Du musst dir all die­sen Stoff rein­zwin­gen, damit du spä­ter fünf Tage acht Stun­den irgend­wo schuf­ten darfst, damit du gera­de mal so leben kannst und nicht hin­ten run­ter­fällst. In Kom­bi­na­ti­on mit den lin­ken Leh­ren, das Sys­tem sei unge­recht, zer­stö­re die Natur und müs­se über­wun­den wer­den etc. mutet die­ser Aus­blick gera­de­zu höl­lisch an. Du musst nicht nur für ein Sys­tem schuf­ten, dem du egal bist, son­dern du musst für ein böses Sys­tem schuf­ten, dem du egal bist.

Glück haben die Kin­der, die von ihren Eltern eine rei­che­re Visi­on für ihr Leben ver­mit­telt bekom­men. Ich bin fest davon über­zeugt, dass es vie­len vor allem hier fehlt. Ich bin selbst jemand, der aus einem nicht idea­len Eltern­haus kommt und nicht auf­ge­stie­gen ist. Ein biss­chen auf­ge­stie­gen viel­leicht, vor allem im Hin­blick aufs Bil­dungs­ni­veau, aber sicher nicht so, wie ich hät­te auf­stei­gen kön­nen, wenn ich als jun­ger Mensch mei­ne Ener­gien dar­auf ver­wandt hätte.

Aber die Mög­lich­keit, »auf­zu­stei­gen«, exis­tier­te ein­fach nicht auf mei­nem Hori­zont, als ich jung war. Ich las ein­mal bei dem Sozio­lo­gen Pierre Bour­dieu, dass sozi­al Abge­häng­te durch­aus so etwas wie Auf­stiegs­fan­ta­sien haben, die­se Fan­ta­sien bei ihnen aber einen ande­ren Cha­rak­ter haben als bei siche­rer situ­ier­ten Men­schen aus den Mit­tel­schich­ten. Es sind mehr Träu­me­rei­en ohne Bezug zur Rea­li­tät. Träu­me­rei­en etwa davon, eines Tages »ent­deckt« zu wer­den oder im Lot­to zu gewin­nen. Die­se Fan­ta­sien sind vage, sie über­set­zen sich nicht in Hand­lungs­plä­ne und sie sind psy­cho­lo­gisch gespro­chen cha­rak­te­ri­siert durch einen exter­nen »Kon­troll­ort« oder »Locus of Con­trol«. Mit die­sem Kon­strukt wird gemes­sen, ob ein Mensch eher glaubt, sein Schick­sal selbst zu steu­ern oder von äuße­ren Kräf­ten bestimmt zu sein. Miss­han­del­te und ver­nach­läs­sig­te Kin­der ent­wi­ckeln typi­scher­wei­se einen exter­nen Kon­troll­ort, weil sie täg­lich erle­ben, dass ihr Wohl­erge­hen und sogar Über­le­ben hoch­gra­dig von den Lau­nen ande­rer abhängt. Sie ler­nen sich anzu­pas­sen, weni­ger, Initia­ti­ve zu zei­gen und ihre Lebens­welt zu formen.

In die­ser Lage kann man schon des­we­gen kaum sozi­al auf­stei­gen, weil man das ein­fach nicht für mög­lich hält. Man glaubt zwar, dass so etwas pas­sie­ren kann, aber nicht, dass man selbst es durch geziel­tes Han­deln bewir­ken kann. Wenn es pas­siert, dann ist es Glück oder Schick­sal, geschieht jeden­falls durch äuße­re Kräf­te. Mit umfas­sen­den For­schun­gen rund um Albert Bandu­ras Kon­zept der Selbst­wirk­sam­keit haben Psy­cho­lo­gen gezeigt, dass der Glau­be, etwas errei­chen zu kön­nen, zu den wich­tigs­ten Vor­aus­set­zun­gen gehört, es tat­säch­lich errei­chen zu kön­nen. Nur wer glaubt, x errei­chen zu kön­nen, ver­sucht es über­haupt und nimmt die Mühe auf sich, das Nöti­ge dafür zu ler­nen und zu tun.

Daher läuft der Gedan­ke der Hand­lungs­fä­hig­keit in die­sem Zusam­men­hang auch nicht dar­auf hin­aus, zu sagen, die Armen sei­en an ihrem Schick­sal selbst schuld – aber auch nicht auf das belieb­te­re Gegen­teil. Die Fra­ge nach der Ver­ant­wor­tung ist ver­trackt, weil Bio­gra­phien immer mit der frü­hen Kind­heit begin­nen. Nie­mand ist ver­ant­wort­lich dafür, dass er bei sei­nen Eltern nicht die Für­sor­ge und Füh­rung bekommt, die ein jun­ger Mensch für sei­ne Rei­fung braucht. Aber des­halb kann man nicht ins ande­re Extrem gehen und Men­schen mit schwe­rer Kind­heit von aller Ver­ant­wor­tung frei­spre­chen. Zugleich ist es kaum mög­lich, einen fes­ten Punkt zu nen­nen, ab dem die Ver­ant­wort­lich­keit beginnt. Aber irgend­wo muss sie begin­nen. Ich stel­le mir die­se Fra­ge seit Jah­ren in Bezug auf mein eige­nes Leben. Wo hat­te ich kei­ne Wahl und wo hät­te ich schlau­er sein kön­nen und müs­sen? Man gerät hier schnell in die Wil­lens­frei­heits­de­bat­te, die seit mehr als zwei­tau­send Jah­ren kei­ne kla­ren Ant­wor­ten liefert.

Visionslosigkeit

Der über­wäl­ti­gen­de Erfolg von Jor­dan Peter­son scheint mir zu bestä­ti­gen, dass es beim Her­an­wach­sen in der moder­nen Gesell­schaft oft an Visi­on und Moti­va­ti­on fehlt. Die Bot­schaft, dass man mehr aus sich machen kann, und die Ver­mitt­lung von Stra­te­gien dazu sind die tra­gen­den Säu­len sei­ner Selbst­hil­fe-Phi­lo­so­phie. Damit ver­kauft er Mil­lio­nen von Büchern, erhält Hun­der­te Mil­lio­nen von Video-Ansich­ten und wird mit Dan­kes­bot­schaf­ten von Men­schen über­schwemmt, die durch ihn wie­der Mut gefasst und ihr Leben in den Griff bekom­men haben. Manch­mal bricht er in Trä­nen aus, weil es so tra­gisch sei, wie wenig Ermu­ti­gung Men­schen brau­chen, wie wenig Ermu­ti­gung schon aus­reicht, um ihre Augen auf­leuch­ten zu las­sen. Es ist tra­gisch, weil es im Umkehr­schluss bedeu­tet, dass sie schon die­ses Mini­mum an Ermu­ti­gung sonst nie bekommen.

Pre­kä­re Lebens­ver­hält­nis­se, Miss­hand­lung und Ver­nach­läs­si­gung dürf­ten hier nur Teil des Pro­blems sein. Es ist auch nicht so, dass man mit wenig Geld zwangs­läu­fig kei­ne gute Erzie­hung gestal­ten könn­te oder mit viel Geld kei­ne schlech­te. Ich gehe davon aus, dass Armut den Druck erhöht und psy­chi­sche Pro­ble­me damit ver­schärft und ihre Lösung erschwert. Aber ich glau­be, man hat es hier mit einem brei­te­ren und tie­fe­ren gesell­schaft­li­chen Pro­blem zu tun, und zwar mit einer Art all­ge­mei­ner Visi­ons­lo­sig­keit. Wir sind eine Kul­tur, die den Glau­ben ver­lo­ren hat. Ich mei­ne damit nicht unbe­dingt reli­giö­sen Glau­ben, obwohl Chris­ten sicher sagen wür­den, dass des­sen Ver­lust genau das Pro­blem ist. Was mir aber vor allem ins Auge springt, ist ein Ver­lust des Glau­bens unse­rer Kul­tur an sich selbst. Wir glau­ben nicht mehr, dass unse­re Kul­tur wert­voll, bewah­rens­wert und auf basa­ler Ebe­ne ein posi­ti­ves Pro­jekt ist. Die das Geis­tes­le­ben prä­gen­den Schich­ten bezie­hen pri­mär Sinn dar­aus, immer wie­der auf­zu­zei­gen, wie böse unse­re Kul­tur sei und wie grund­le­gend sie umge­krem­pelt wer­den müs­se, um nicht mehr böse zu sein. 

Mir scheint, dass Kin­der und Jugend­li­che heu­te wenig Füh­rung, wenig Ori­en­tie­rung von Erwach­se­nen ver­mit­telt bekom­men. Nor­ma­ler­wei­se – das ist eine Zwangs­läu­fig­keit der Natur – erfül­len Eltern und ande­re Erwach­se­ne unter ande­rem die Auf­ga­be, Kin­dern die Gesetz­mä­ßig­kei­ten der Wirk­lich­keit nahe­zu­brin­gen, ver­ständ­lich zu machen und sie damit zu ver­söh­nen. Das umfasst nicht nur, aber auch Kul­tur. Die Natur kann grau­sam sein, eben­so die Eigen­ge­setz­lich­keit der Gesell­schaft, und bei­de sche­ren sich nicht viel um das Indi­vi­du­um. Doch Eltern und ande­re Bezugs­per­so­nen geben all dem ein mensch­li­ches Gesicht. Sie sind Ver­tre­ter der Wirk­lich­keit, mit denen ein Kind ver­han­deln kann, die Erklä­run­gen lie­fern und die Mit­ge­fühl und einen Sinn für Humor haben, im Unter­schied zu den Gesetz­mä­ßig­kei­ten von Natur und Gesell­schaft selbst.

Mir scheint, heu­te kön­nen vie­le Erwach­se­ne die­se Rol­le nicht mehr aus­fül­len, weil sie selbst nicht an ihre Kul­tur glau­ben und sie somit auch nicht glaub­haft und kohä­rent ver­tre­ten kön­nen. Sie kön­nen kei­ne Ori­en­tie­rung geben, weil sie selbst kei­ne haben. War­um soll­te man zu einer Kul­tur bei­tra­gen wol­len, die böse ist, oder in ihr auf­stei­gen wol­len? Aber was ist die Alter­na­ti­ve? Die Alter­na­ti­ve ist eine Ethik, die es sich zur Auf­ga­be macht, das Böse in die­ser Kul­tur zu bekämp­fen. Das ist an sich kei­ne schlech­te Idee, doch es ent­steht ein Pro­blem, wenn die­ses Böse das ein­zi­ge ist, wor­über man sich über­haupt zu die­ser Kul­tur in Bezie­hung set­zen kann. Denn da das Indi­vi­du­um unaus­weich­lich selbst eine Ver­kör­pe­rung sei­ner Kul­tur ist, bedeu­tet die Iden­ti­fi­ka­ti­on der Kul­tur mit dem Bösen, das man bekämpft, immer auch, sich selbst zu bekämp­fen. Das Ergeb­nis ist eine para­do­xe Iden­ti­tät, die auf Selbstab­leh­nung baut. Erwach­se­ne suchen die­ser para­do­xen Iden­ti­tät zu ent­kom­men, indem sie Kind­heit und Jugend glo­ri­fi­zie­ren – also die­je­ni­gen Gesell­schafts­mit­glie­der zum Ide­al machen, die gera­de nicht die abge­lehn­te Kul­tur ver­kör­pern. Dies dis­qua­li­fi­ziert sie für die Auf­ga­be, Vor­bil­der für die Jun­gen zu sein.

Damit schließt sich der Kreis zu der dog­ma­ti­schen Sicht­wei­se, die ich ein­gangs dis­ku­tiert habe. Die Ant­wort »das Sys­tem ist schuld«, wor­an auch immer, impli­ziert, dass man es nicht ändern kann, weil man »das Sys­tem« – bis zum Sys­tem­wech­sel – nicht ändern kann und auch nicht bekämp­fen kann, ohne sich selbst zu bekämp­fen. Man hilft jun­gen Leu­ten mit die­ser Bot­schaft nicht, son­dern lehrt sie nur, sich als Opfer und die Gesell­schaft als feind­lich wahr­zu­neh­men, und man gewinnt zor­ni­ge, emo­tio­nal ver­letz­li­che und ver­führ­ba­re Rekru­ten für die Revo­lu­ti­on. Nur mit die­sem Ziel ergibt die­se Erzie­hung einen Sinn.

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