Rüdiger Fritsch, der Präsident von Darmstadt 98, war einer der Ersten, die nach der Sitzung der 36 Bundesligavertreter zügig dem Ausgang des Frankfurter Tagungshotels zustrebten. Befragt, ob er zur Sache schon etwas sagen könne, erwiderte der Rechtsanwalt: "Ich weiß nichts. Ich habe nichts verstanden."
Ob Fritsch sein Nicht-Wissen vortäuschte, weil er sich der Diskretion verpflichtet fühlte, oder ob er vor lauter Verwirrung davonlief, ließ sich nicht klären. Tatsächlich ist es aber nicht unwahrscheinlich, dass mancher Funktionär mehr irritiert als aufgeklärt das Haus verlassen hat, nachdem ihn der DFL-Vorstand unterrichtet hatte, wie die Millionen aus dem nächsten TV-Vertrag unter den Profiklubs verteilt werden sollen. Man habe "viele Modell hin- und her- und durchgerechnet und sich mit viel Fantasie und Fleiß auf einen gemeinsamen Nenner geeinigt", sagte DFL-Chef Reinhard Rauball. Das Ergebnis - vom Neun-Mann-Präsidium im Namen der beiden Ligen einstimmig beschlossen - werde sich nicht "auf den ersten Blick erschließen", ergänzte DFL-Geschäftsführer Christian Seifert. Doch gerade die Komplexität des in weiten Teilen neuen Verteilungsschlüssels soll ein für beide Ligen akzeptables System garantieren. Es handele sich um einen Code, "der sich von den starren Positionen und Denkweisen des Die-da-oben und Die-da-unten löst", sagte Seifert.
Die Verteilung der 1,16 Milliarden Euro, die das Fernsehen ab 2017/18 vier Spielzeiten lang jährlich bezahlt, wird in einem Vier-Säulen-Modell geregelt. Die stärkste Säule (70 Prozent der Summe) ist der Grundbetrag für alle; das andere tragende Parameter ist die sportliche Nachhaltigkeit (23 Prozent). Eine weitere Säule (5 Prozent) zieht die Dauer der Liga-Zugehörigkeit heran. Berechnet werden die vergangenen 20 Jahre, das ist neu. Wer lange dabei ist, profitiert von diesem Ansatz - ein gestürzter Klub wie Kaiserslautern findet sich in dieser Kategorie auf einem soliden Erstligaplatz. Auch die Jugendarbeit wird zu einem kleinen Prozentsatz (2 Prozent) belohnt - berechnet nach Einsatzminuten der ausgebildeten Spieler. "Die Nachwuchsförderung ist ein absolutes Kernmerkmal der Liga", sagte Seifert. Hauptgewinner wäre derzeit der SC Freiburg, er bekäme 1,2 Millionen.
Dem DFL-Präsidium gehören Vertreter der wesentlichen Fraktionen beider Ligen an. Laut den Verantwortlichen ist ein Modell entstanden, das den Einzelinteressen Rechnung trägt, aber Gemeinschaftsinteressen in den Mittelpunkt stellt. Einerseits sei es eine "leistungsorientierte Tabelle" (Seifert), andererseits eine Schöpfung, die "Solidarität mit Fakten unterlegt" (Rauball). Auf den ersten Blick sieht es so aus, als ob das Modell eher tradierte sozialliberale als zeitgenössische neoliberale Züge trägt. Das TV-Geld wird nicht nach edler Herkunft und nicht schwerpunktmäßig nach Ruhm und Erfolg der 36 Klubs verteilt. Sondern nach der Idee, zugleich Leistung zu honorieren und Spannung in allen Regionen beider Tabellen zu fördern.
Karl-Heinz Rummenigge wird allgemein gelobt
Nicht alle Beteiligten konnten sich für die Priorität dieser Idee immer begeistern. Bis zum Beschluss gab es Kontroversen, und einige Klubs sind auch nicht zufrieden. Der FC Bayern gehört nicht dazu, die verständnisvolle Haltung von Karl-Heinz Rummenigge wurde allgemein gelobt. Den Bayern fällt es aber, wie Dortmundern und anderen Europacupteilnehmern (Leverkusen, Schalke), nicht ganz so schwer zu verzichten. Die anstehende Europacup- Reform der Uefa stellt ausreichende Kompensation in Aussicht. Die Unzufriedenen kommen eher aus der Mitte der Liga, und diesen Klubs hielt Liga-Chef Seifert eine moralische Standpauke: "Wir reden hier über gewaltige Summen, der Wunsch nach mehr (Geld) sollte nicht in Gier umschlagen. Keiner verliert was, jeder kriegt sehr viel mehr als vorher - nur vielleicht nicht so viel mehr, wie er gern gehabt hätte."
Diese Ermahnung richtete sich vor allem an die Gruppe der Traditionsvereine, die sich im "Team Marktwert" zusammengetan hatten. Namentlich Bremen, HSV, Köln, Frankfurt und Stuttgart (Mönchengladbach, sechstes Gründungsmitglied, verließ den Kreis). Sie reklamierten einen höheren Anteil, weil sie meinen, ein größeres Publikum anzuziehen als das Gros der übrigen Klubs. Das Modell, das "Team Marktwert" zur Beute-Verteilung vorlegte, überzeugte das Präsidium aber nicht. Die Objektivität und Messbarkeit von zu honorierenden Kriterien - etwa die Anzahl mitreisender Fans, Social-Media-Kontakte und TV-Reichweiten - wurde bezweifelt.
Am Ende steht nun eine Lösung, die Wachstum stimulieren, aber auch die großen wie die kleinen Vereine glücklich machen soll. Und: den TV-Unternehmen, die ja viel Geld zahlen, eine spannende Liga garantieren. Über die Details wird noch zu diskutieren sein - wenn alle verstanden haben, worum es geht.