Judo:Grüße vom Grand Prix

Lesezeit: 2 Min.

Prima fürs Selbstvertrauen: Auch Lukas Vennekold holt für Großhadern erstmals zwei Punkte an einem Tag. (Foto: Claus Schunk)

Mir der zweiten Garde bezwingt Großhadern Erlangen

Von Julian Ignatowitsch, München

Cheftrainer Ralf Matusche meldete sich per SMS aus Budapest. Nein, er sei an diesem Wochenende nicht beim Bundesligakampf seines TSV Großhadern in der Siegi-Sterr-Halle, sondern beim internationalen Grand Prix in Ungarn. Gut einen Monat vor den Olympischen Spielen hätten seine Verpflichtungen als bayerischer Landestrainer Vorrang. "Der Gerhard schafft das auch ohne mich", teilte Matusche mit. Gemeint war Gerhard Dempf, Großhaderns langjähriger Teambetreuer. Und ja, er schaffte es - gerade so.

Großhadern zitterte sich am Samstag in der Bundesliga zu einem 8:6-Sieg gegen Aufsteiger TV 1848 Erlangen. "Das ist gerade noch mal gut gegangen, Hauptsache gewonnen", fasste Dempf zusammen. Durch den ersten Erfolg im vierten Kampf dieser Saison bleibt Großhadern im Rennen um die Finalrunde. Die Entscheidung fällt am 16. Juli im direkten Duell mit Tabellennachbar JC Ettlingen. Dann hilft allerdings nur ein weiterer Erfolg, um unter die ersten Vier der Gruppe Süd zu kommen. Und wieder wird die Frage sein: Wer steht zur Verfügung? Im olympischen Jahr müssen die Bundesliga-Trainer allwöchentlich Antworten auf viele personelle Ausfälle finden. Der Terminplan ist eng, internationale Wettbewerbe gehen vor. Großhadern ist davon besonders betroffen.

Das zeigt sich auch daran, dass Matusche in Budapest fast genauso viele Athleten seines Klubs zu Gesicht bekam wie Dempf in Großhadern. Die internationalen Spitzenkämpfer Adrian Gomboc (bis 66 kg) und Rok Draksic (bis 73 kg) holten beim Grand Prix jeweils Gold, der beste deutsche Schwergewichtler Karl-Richard Frey (bis 100 kg) erreichte das Halbfinale. Während die Elite in Ungarn Medaillen feierte, bekamen in der Bundesliga einmal mehr die jungen Kämpfer eine Chance. Die TSV-Talente Lukas Vennekold (bis 66 kg), Niklas Blöchl (bis 81 kg) und Timo Cavelius (bis 90 kg) konnten endlich je zwei Erfolge an einem Tag verbuchen. Genauso Julian Kolein, der von einer Knieverletzung genesen zurück und mit 24 Jahren an diesem Tag ältester Mann im Team war. "Das tut unseren Jungs gut", sagte Dempf. Schließlich ist es diese Riege an Kämpfern, von denen sich das Trainerteam in dieser Saison mehr erhofft hatte. Bisher konnten die jungen Judoka, die am Anfang ihrer Profikarrieren stehen, die Erwartungen kaum erfüllen. Aufsteiger Erlangen war da mit vielen bayerischen Kämpfern ein prima Gegner, um Selbstbewusstsein zu sammeln.

Gleichzeitig testete Dempf die ganz Unerfahrenen. Für die 18-jährigen Janno Brodnig (bis 60 kg) und Daniel Messelberger (über 100 kg) war es der zweite bzw. allererste Bundesligakampf überhaupt. Dass beide in ihren Duellen relativ chancenlos waren, sieht Dempf als ganz normalen Teil der Entwicklung. "Spaß haben, ohne Druck kämpfen", hatte der Trainer den Neulingen mit auf den Weg gegeben. Es klappte so halbwegs. Leicht- und Schwergewicht bleiben in Großhadern die Problempositionen, wenn die deutschen Olympiastarter Tobias Englmaier (bis 60 kg) und Frey fehlen.

Von der Titelverteidigung ist Großhadern derzeit ein gutes Stück entfernt. Nach den Weggängen der drei Leistungsträger Alexander Wieczerzak, Igor Wandtke und Aaron Hildebrand ist 2016 das erwartet schwere Jahr für den elfmaligen Meister. Der eigene Nachwuchs kann in der Spitze der Liga schlicht noch nicht mithalten, Großhadern ist also auf seine zwei deutschen Olympiastarter und die internationalen Stars angewiesen. Diese stehen aber frühestens ab den Playoffs zur Verfügung. Ob Großhadern diese überhaupt erreicht, darüber entscheiden diejenigen, die Teambetreuer Dempf am Samstagabend dann beim Brutzeln zuschauten. Der Trainer griff nach dem Kampf selbst zur Grillzange, gemeinsam schaute die zweite Garde das EM-Achtelfinale. Und Matusche und die großen Jungs? Tja, der Heldenplatz soll von der Judo-Halle in Budapest zu Fuß erreichbar sein.

© SZ vom 27.06.2016 - Rechte am Artikel können Sie hier erwerben.
Zur SZ-Startseite

Lesen Sie mehr zum Thema

Jetzt entdecken

Gutscheine: