Sprache · Stimme · Gehör 2016; 40(02): 90
DOI: 10.1055/s-0042-106681
Interview
Georg Thieme Verlag KG Stuttgart · New York

Sprachdiagnostik aus Sicht einer Mutter von Kindern mit Sprachentwicklungsstörungen

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Publication Date:
24 May 2016 (online)

    ? Sie haben als Mutter von 3 Kindern mit bestehender oder ehemaliger Sprachentwicklungsstörung seit 14 Jahren Kontakt zur Logopädie in den verschiedensten Kontexten: diagnostische Einrichtungen, sprachtherapeutische Praxen, Sprachheil- und Integrationskindergarten, Sprachheilschule. Ihre Kinder haben Sprachdiagnostik innerhalb dieser Einrichtungen, aber auch beim Kinderarzt, beim Gesundheitsamt, bei der Schulbehörde, in Sozialpädiatrischen Zentren und Phoniatrischen Abteilungen durchlaufen. Welche Bedeutung hat eine logopädische Diagnostik für Sie als Mutter, welche Bedeutung sehen Sie darin für Ihr Kind?

    Für mich als Mutter kann eine logopädische Diagnostik eine Antwort darauf geben, ob mein Kind eine altersgemäße Sprachentwicklung hat oder nicht. Wenn die Sprachentwicklung auffällig ist, sollte sie mir sagen, was auffällig ist und ob eine Behandlung notwendig ist. Für das Kind ist die Diagnostik die Chance eine rechtzeitige Behandlung zu erhalten, damit die Sprachentwicklung nicht immer weiter von der regelrechten Entwicklung abweicht und damit es später nicht zu Schulproblemen kommt.

    ? Im Rahmen einer sprachtherapeutischen Diagnostik werden oftmals standardisierte Verfahren durchgeführt, die ein Kind mit altersgleichen Kindern vergleicht. Wie stehen Sie zu solchen Verfahren?

    Für mich als Mutter sind diese Verfahren, die vielleicht für das Kind nicht immer angenehm sind, da es seine Schwächen dabei merken kann, wichtig, damit ich weiß, ob und wenn, wie stark mein Kind in seiner Sprachentwicklung von der regelrechten Entwicklung abweicht. Ich halte die standardisierte Diagnostik für das Kind zumutbar, gerade wenn die Situation freundlich und spielerisch gehalten ist.

    ? Sie haben viele diagnostische Sitzungen in den verschiedensten Institutionen durchlaufen. Sehen Sie Unterschiede in der Art der Durchführung und den Ergebnissen?

    Allein die zeitliche Dauer einer Untersuchung unterschied sich deutlich je nach Einrichtung. Am Kürzesten was diese auf dem Gesundheitsamt, wo ich das Gefühl hatte, dass eine Standarddiagnostik, nicht spezifisch auf mein Kind zugeschnitten, durchgeführt wurde. Mein Kind musste hier nur einzelne Wörter produzieren, so dass es seine Schwierigkeiten mit dem Satzbau gar nicht zeigen konnte. Die pädaudiologische Diagnostik war ähnlich kurz. Sie wurde in einem zu engem Raum in meinem Beisein durchgeführt und ich konnte sehen, dass mein Kind nicht bei der Sache war. Im SPZ oder in der Praxis war die Diagnostik deutlich ausführlicher und z.T. wurde mir gut erklärt, welche Befunde sich ergaben.

    ? Gab es Unterschiede zwischen den verschiedenen Therapeuten Ihrer Kinder hinsichtlich des Themas Diagnostik?

    Die Therapeuten, die meine Kinder hatten, verhielten sich sehr unterschiedlich zum Thema Diagnostik. Unsere langjährigste Therapeutin führte nach ausführlicher Erstdiagnostik in regelmäßigen Abständen eine Verlaufsdiagnostik zur Kontrolle des Therapieerfolges und des Entwicklungsstandes durch. Dies war bei anderen Therapeuten nicht unbedingt der Fall. Eine Zeitlang hatte z.B. mein jüngstes Kind in einer Integrationseinrichtung Logopädie. Die erste Logopädin führte erst, nachdem sie schon fast ein Jahr therapierte, auf mein Drängen einige Tests durch. Die zweite Therapeutin meinte, dass man Diagnostik nur sehr selten machen dürfe, da man den Kindern schaden könne und auch sie führte erneut erst auf mein Drängen hinsichtlich der Frage der Schulwahl einige Tests durch. Die anschließenden Erläuterungen der Ergebnisse hatten eine sehr unterschiedliche Qualität. Zum Teil konnte ich die Ergebnisse nicht genau verstehen.

    ? Sie haben unter anderem, obwohl Ihr Kind logopädisch betreut wurde, noch vertiefte logopädische Diagnostik bei Ihnen empfohlenen Therapeuten durchführen lassen. Können Sie erklären, warum?

    Wir waren sehr verunsichert, was den Sprachentwicklungsstand unseres dritten Kindes betraf, da wir aufgrund bis dato geführter Gespräche nicht das Gefühl hatten, dass die aktuelle Therapeutin in der Lage war, diesen adäquat zu untersuchen und zu beurteilen. Durch private Kontakte wurde uns eine Therapeutin empfohlen, die eine sehr umfassende Diagnostik durchführte, uns die Ergebnisse erläuterte und auch den Besuch einer Sprachheilschule empfahl. Die diagnostischen Befunde erklärten eine Reihe unserer Beobachtungen und bestärkten uns in der Wahl der Sprachheilschule.

    ? Würden Sie sagen, dass das Verhalten von Sprachtherapeuten hinsichtlich Diagnostik für Sie etwas über die Qualität von Sprachtherapeuten aussagt?

    Eine detaillierte Diagnostik ist für mich die Voraussetzung für eine optimale Therapie, insofern gibt es einen Qualitätszusammenhang. Mangelnde Diagnostik ist für mich ein Qualitätsmangel. Allerdings sind nicht alle, die sehr gute Diagnostiker sind, auch sehr gute Therapeuten, d.h. wenn die diagnostische Qualität stimmt, heißt das nicht automatisch, dass die therapeutische Qualität stimmt.

    Herzlichen Dank für das Interview!

    Das Interview führte Prof. Annette Fox-Boyer, Rostock.

    Zur Person

    Die Mutter möchte wegen der Kinder, die sich noch in Behandlung befinden, anonym bleiben.


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