Hintergrund

Russland und die Türkei Rivalen um Einflusszonen

Stand: 05.12.2015 17:58 Uhr

Die Beziehungen zwischen der Türkei und Russland sind extrem belastet. Der Streit um den Abschuss eines Kampfjets zeigt: Beide Staaten sind Rivalen um Einflusszonen. Potenzielle Konflikte gibt es viele, aber keine Seite hat ein Interesse an einer völligen Eskalation.

Von Silvia Stöber, tagesschau.de

Die Türkei werde den Abschuss des russischen Militärjets noch bereuen - Russlands Präsident Wladimir Putin wählte in seiner Rede an die Nation am Donnerstag noch einmal harsche Worte, um seinen türkischen Amtskollegen Recep Tayyip Erdogan zu kritisieren. Der Abschuss sei ein abscheuliches Kriegsverbrechen, das nicht allein mit Importverboten und begrenztem Zugang zum Bausektor bestraft werde. Wie weit Putin gehen will, sagte er jedoch nicht.

Es ist das vorläufige Ende einer russisch-türkischen Partnerschaft, die Putin und Erdogan noch Ende September demonstrierten, als sie in Moskau gemeinsam eine Moschee eröffneten. Das Verhältnis zwischen beiden Staaten war allerdings immer auch von Interessengegensätzen geprägt. Das Beispiel Syrien macht sie deutlich, wie schon lange nicht mehr.

So müsste der russische Einsatz in Syrien zur Bekämpfung von Terrormilizen wie dem "Islamischen Staat" ( IS) eigentlich in beider Interesse liegen. Doch der IS hat für Putin und für Erdogan derzeit offensichtlich keine Priorität. Beiden geht es vielmehr darum, ihren Einfluss auszubauen, um das Schicksal der Entwicklung des Nahen Ostens mitzubestimmen. Putin will zu diesem Zweck das Regime in Syrien, nicht aber um jeden Preis Präsident Bashar al Assad an der Macht halten. Erdogan will dagegen das Regime loswerden.

Der russische Militäreinsatz schränkt den Handlungsspielraum der Türkei in Syrien ein. Darüber hinaus hat Putin im Iran und in der schiitisch dominierten Regierung des Irak zwei Verbündete, die zugleich Nachbarn der sunnitisch geprägten Türkei und damit regionale Konkurrenten sind.

Denken in Einflusszonen

Putin und Erdogan verfolgen in Syrien unterschiedliche Ziele, weil beider Handeln einem geopolitischen Denken in Einflusszonen in der Tradition des 19. Jahrhunderts entspricht. Noch eins verbindet sie: Erdogan beschwört die imperiale Größe des Osmanischen Reiches, dem Vorgänger der Türkei, so wie Putin Anleihen beim Russischen Reich nimmt.

Bei Erdogan wurde dies besonders deutlich während des Parlamentswahlkampfs im Mai, als seine Partei AKP Parallelen zog zwischen Erfolgen ihrer Regierungsarbeit und den Eroberungen osmanischer Sultane. Erdogan umgibt sich als Präsident mit Wachleuten in osmanischen Uniformen. Ende 2014 ordnete er an, dass in Schulen die historische Sprache Osmanisch gelehrt werden soll.

Putin wiederum, das legte der britische Historiker Orlando Figes kürzlich bei einem Vortrag in Brüssel dar, wolle nicht die Sowjetunion wiederherstellen. Sein Handeln erinnere vielmehr an den autoritären Zar Nikolaus I., der zwischen 1825 und 1855 das Russische Reich regierte.

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Widerstreitende Sicherheitsinteressen

Der Rückgriff auf die einstigen Imperien führt vor Augen, dass die bis zum Abschuss des Kampfjets existierende russisch-türkische Partnerschaft geschichtlich gesehen eine Ausnahme ist. Geprägt war das Verhältnis vielmehr durch widerstreitende geopolitische Interessen.

Figes verweist zum Beispiel auf den Krimkrieg von 1853 bis 1856. Er war einer von zahlreichen russisch-türkischen Kriegen um das Schwarze Meer und die angrenzenden Regionen im 19. Jahrhundert. Dort kommen sich beide Staaten auch heute wieder sehr nahe bei der Umsetzung ihrer Sicherheitsinteressen.

Russische Kontrolle im Schwarzen Meer

So hat die russische Armee im Schwarzen Meer ihren Einflussbereich ausgebaut: Nach der Annexion der Krim 2014 ließ Putin dort neue Waffen stationieren. NATO-Oberkommandeur Philip Breedlove sagte im Februar, auf der Krim seien sehr leistungsfähige Boden-Luft-Verteidigungssysteme stationiert worden, die gut die Hälfte des Schwarzen Meeres abdeckten. Hoch entwickelte Raketenabwehrsysteme würden zudem fast das gesamte Schwarze Meer abdecken.

Der russische Verteidigungsminister Sergey Shoigu bestätigte eine Verstärkung insoweit, als er von Veränderungen im Südlichen Militärdistrikt sprach, zu der die Krim zählt.

Die Türkei ihrerseits kontrolliert über den Bosporus den Zugang zum Schwarzen Meer. Sie ist aber an den Vertrag von Montreux von 1936 gebunden, der Regeln enthält, warum Schiffe abgewiesen werden dürfen.

Russische Sicherheitskräfte an der Ostgrenze

An der Ostgrenze der Türkei sind ebenfalls russische Sicherheitskräfte präsent. Dort grenzt die Türkei an das christliche Armenien, dessen Schutzmacht Russland ist. Direkt an der türkisch-armenischen Grenze gibt es eine russische Militärbasis mit 3000 russischen Soldaten. Zudem beschützt der russische Inlandsgeheimdienst FSB die armenische Grenze zur Türkei. Es ist eine Grenze, an der sich das Militär eines NATO-Staats und russische Sicherheitskräfte direkt gegenüber stehen.

Dass sich die wachsenden Spannungen auf diese Grenze auswirken können, wurde Anfang Oktober deutlich, nachdem russische Militärjets erstmals von Syrien aus in türkischen Luftraum eingedrungen waren. Offensichtlich als Reaktion flogen türkische Helikopter am 6. und 7. Oktober über armenisches Gebiet, wie die armenische Luftfahrtbehörde mitteilte. Die türkische Seite habe angegeben, dies sei aufgrund schlechten Wetters geschehen - eine Begründung, die auch Russland gegenüber der Türkei für seine Luftraumverletzungen verwendet hatte.

Gefährlicher Konflikt im Osten

Da Russland Schutzmacht Armeniens ist, steckt es indirekt in einem militärischen Konflikt mit der Türkei, der in den vergangenen Monaten gefährlich an Dynamik gewonnen hat. Denn Armenien ist gewissermaßen eingeklemmt zwischen der Türkei und dessen engem Verbündeten Aserbaidschan.

Aserbaidschan wiederum streitet mit Armenien um die Rückgabe der Region Berg-Karabach, die Armenien auch mit Hilfe Russlands in einem Krieg Anfang der 90er-Jahre eingenommen hat. Ein danach vereinbarter Waffenstillstand wird immer wieder gebrochen.

Inmitten der aktuellen Spannungen mit Russland erklärte der türkische Premierminister Ahmet Davutoglu dann, die Türkei werde alles tun, um das besetzte Berg-Karabach zu befreien. Die Türkei und Aserbaidschan seien "eine Familie". Offensichtlich ging es Davutoglu darum, von der aserbaidschanischen Regierung Unterstützung gegen Russland zu erhalten. Diese jedoch hielt sich bislang mit Äußerungen zurück, weil sie Russland nicht verärgern will.

Strategische Partner der Türkei im post-sowjetischen Raum

Denn Aserbaidschan zählt neben Armenien zum post-sowjetischen Raum und diese Region nördlich und östlich der Türkei reklamiert Russland nicht nur als exklusive Einflusszone für sich. Es hat nach wie vor militärisch und wirtschaftlich großen Einfluss dort.

Insofern ist es nicht ohne Risiko, dass die Türkei eine strategische Partnerschaft mit den beiden Ex-Sowjetrepubliken Aserbaidschan und Georgien eingegangen ist. Nach Angaben des aserbaidschanischen Experten Zaur Shiriev beinhaltet diese Kooperation auch gemeinsame militärische Übungen zum Schutz der Öl- und Gaspipelines, die von Aserbaidschan über Georgien in die Türkei verlaufen. Diese Pipelines verhelfen allen drei Ländern zu größerer Unabhängigkeit von Russland.

Flugzeugabsturz in der Türkei

Der Abschuss eines Kampfjets hat die Beziehungen zwischen Moskau und Ankara massiv belastet.

Die georgische Verteidigungsministerin Tina Khidasheli bestätigte im Interview mit tagesschau.de, dass im Rahmen dieser strategischen Partnerschaft gemeinsame Übungen stattfinden. Sie sagte, angesichts der Herausforderungen in der Region werde es bei einem Gipfel nächste Woche in Istanbul um den Ausbau der Kooperation gehen.

Auch wenn die Lage zwischen der Türkei und Russland derzeit angespannt ist, so blieb es bislang im Gebiet zwischen beiden Staaten vom Schwarzen Meer bis in die Region östlich der Türkei bei verbalen Drohungen und symbolischen Handlungen. Offenbar hat derzeit keine Seite ein Interesse daran, über Syrien hinaus Interessenskonflikte zu eskalieren.